Ausstellung des Heimat- und Verschönerungsverein Niederbachem e.V.

Das Hochwasser vom 5. August 1931
Erinnerungen

Bericht über das Hochwasser des Jahre 1693

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Aus Unsere Katholische Kirchenzeitung - Heimat und Dorf - vom 6.5.1934

Der Untergang des alten Auenhofes in Niederbachem i. J. 1693

Von Pfarrer L. Schaefer, Niederbachem.

1. Die Lage des Auenhofes

In Urchem, einem Ortsteil von Niederbachem, liegt nicht ganz weit diesseits vom Broich- oder Mehlemer Bache, der das langgestreckte Tal und Dorf gegenüber dem Drachenfels durchfließt, in einer Gasse abseits von der Hauptstraße ein stattliches Gebäude aus Fachwerk, welches bis gegen die Jahrhundertwende im Volksmunde der „Auenhof“ hieß. Seitdem die letzten Nachkommen der früheren Besitzer mit dem Familiennamen Nettekoven das Haus verließen, ist auch der uralte Hausname Auenhof gänzlich in Vergessenheit geraten. Unter dieser Bezeichnung ist aber der Hof in alten Aufzeichnungen oftmals genannt. Und doch lag der ursprüngliche Auenhof an einer anderen Stelle, freilich nicht gerade weit davon entfernt. Er lag an der anderen Seite des Baches, dort wo der am Fuße des Dächelsberges und des Stackenbusches fast in gerader Linie von der Oelmühle her dahinfließende Bach fast plötzlich seine Richtung verläßt, um quer durch die fruchtbare Aue den anderen Rand des Tales zu erreichen. Dort haben Gebäudereste unter dem Boden des Feldes die Kenntnis vom einstigen Standort des Hofes erhalten.
Gleichwohl ist aber das heute noch in der Urchemer Gasse stehende Haus Nettekoven nach Aussehen und Gerippe dasselbe wie der einst jenseits des Baches gelegene Auenhof. Die alte Ueberlieferung bei den Nachkommen dieser Besitzerfamilie berichtet nämlich, daß man nach dem Untergange des ursprünglichen Auenhofes infolge eines furchtbaren Hochwassers das noch einzig stehengebliebene Holzgerüst zum Aufbau des neuen Hauses unverändert benutzt habe.
Diese bisher verderblichste von allen Hochfluten des sonst so harmlosen Baches ereignete sich im Jahre 1693 in der Nacht nach dem 24. Juni, dem St. Johannestage. Sie war hervorgerufen worden durch einen Wolkenbruch, der in der weiten Umgebung großen Schaden angerichtet, besonders aber in Niederbachem mit dem Auenhofe so manches blühende Menschenleben vernichtet hat.
Von diesem entsetzlichen Unglück ist ganr manche Kunde auf uns gekommen: aus der Inschrift auf einem alten Grabstein bei der Niederbachemer Pfarrkirche, aus erhaltenen Aufzeichnungen von der Hand des damaligen Ortspfarrers und aus denen der Chronik des Klosters Nonnenwerth, und endlich aus der wohlbegründeten Ortsüberlieferung. Gerade diese letztere erhielt sich recht lebendig bei den Nachkommen aus der Familie des Auenhofes und noch besonders bei denen aus der alten sogenannten Oelmühle am Dächelsberge. Diese Quellen wollen wir benutzen, um ein möglichst zutreffendes Bild von jenen traurigen Ereignissen vor fast 250 Jahren zu entwerfen.

2. Die Bewohner des Auenhofes u. ihre Gäste am Unglückstage

In jenem nun weit zurückliegenden Jahre 1693 wohnte im Auenhofe die Familie des Wenzeslaus Weber, des Halfen in der Aue, wie man ihn allgemein nannte. Er war ein wohlhabender und in seinem Ehrenamte als Scheffe auch ein besonders angesehener Mann im Dorfe. Seine erste Frau war schon lange gestorben, und er hatte nur vor mehr als zehn Jahren eine zweite Ehe eingegangen mit einer Witwe, die Katharina Schnafels hieß. Während dieser zweiten Ehe die Kinder versagt blieben, hatte er aus erster Ehe mehrere Kinder. Da war sein Sohn Peter Weber, der jetzt schon ungefähr dreißig Jahre alt, noch unverheiratet war und bei ihm auf dem Hofe lebte. Auch gehörte noch zur häuslichen Familie seine Tochter Maria Weber, von der wir aber verraten dürfen, daß sie schon mit dem Gedanken umging, den Hof zu verlassen, um ihrem Verlobten Heinrich Nettekoven in dessen Heimat nach Arzdorf nach ihrer Heirat zu folgen. Endlich ist uns noch seine Tochter Gertrud bekannt, welche als verheiratete Frau mit ihrem Mann Anton Schmid und ihren Kindern hier im Dorfe gewohnt hatte. Sie war aber schon vor sieben Jahren bald nach der Geburt ihres jüngsten Kindes Katharina Schmid gestorben, dessen Patin damals die zweite Frau ihres Vaters, ihre Stiefmutter, geworden war. Der Vater Anton Schmid dieser kleinen Katharina aber hatte nach dem Tode seiner Frau Gertrud wieder geheiratet und war mit seinen anderen Kindern und dieser zweiten Frau nach Friesdorf weggezogen, von wo er auch hergekommen war. Jedoch hatte schon längst und wohl auch kaum erst beim Weggang des Anton Schmid vor drei Jahren die Frau Katharina Weber-Schnafels ihr Patenkind auf den Auenhof zu sich genommen, um es statt eigener Kinder zu betreuen und zu erziehen. Wohl hatte auch sie selbst Mutterfreuden gekannt; sie hatte nämlich aus ihrer früheren Ehe eine Tochter Maria, die als verheiratete Frau in Ahrweiler wohnte und auch schon wieder selbst heranwachsende Kinder ihr eigen nannte. Ihr Töchterchen von ungefähr acht Jahren verweilte bereits einige Zeit bei der Großmutter im Auenhofe, als Gespielin der etwas jüngeren Katharina Schmid. Nun war gerade am frühen Morgen jenes 24. Juni des Jahres 1693 diese Frau Maria von Ahrweiler in Begleitung ihres fünfzehnjährigen Sohnes aufgebrochen, um den Johannesmarkt in Bonn zu besuchen, und um auf dem Wege dorthin bei ihrer Mutter auf dem Hofe in der Aue in Urchem die Reise zu unterbrechen.
Jetzt kennen wir die Bewohner des Auenhofes und auch seine Gäste in jener Unglücksnacht. Zählen wir sie auf, dann waren dort anwesend mit dem Halfen Wenzeslaus Weber und seine Frau Katharina, sein Sohn Peter Weber und sein Enkelkind Katharina Schmid, sodann noch seine Stieftochter, die Frau Maria aus Ahrweiler mit ihren beiden Kindern, dem Jungen von fünfzehn und dem Mädchen von acht Jahren. Zusammen sind es also sieben uns nun bekannte Personen gewesen, über die das Verderben so plötzlich und unvermutet hereinbrach.

3. Der Zusammensturz des Auenhofes

Wie es so um den St. Johannestag, den 24. Juni, zu sein pflegt, war auch dieser 24.. Juni des Jahres 1693 wieder ein glühendheißer Tag des Hochsommers gewesen. Am Nachmittage zogen von allen Seiten dunkle Wolken herauf, ballten sich drohend zusammen und verfinsterten schnell den schon sinkenden Tag. Gegen sechs Uhr begann das Unwetter mit seiner ganzen Gewalt zu toben. Donnerschlag auf Donnerschlag folgte, der zuckende Blitzstrahl fuhr dabei krachend hernieder, grell durchleuchtend die eingetretene Finsternis. Es gab Leute, die meinten es wanke die Erde wie bei einem Erdbeben, so schrecklich wüteten die entfesselten Naturgewalten. Durch zwölf lange Stunden beherrschte das grausige, lautbrüllende Gewitter die sonst so schweigsame Nacht. Wolkenbruchartig richteten unerschöpflich niederstürzende Regenmassen allenthalben im weiten Umkreise unbeschreibliches Unheil an, zumal aber kam dies in besonderer Stärke über das Tal, welches ja noch dazu die von den Bergen niederrauschenden Wasserströme aufnehmen mußte.

Leicht läßt es sich ausdenken, daß hier im Tale gerade der Auenhof, welcher im geraden Zuge der dahinschießenden, sich überstürzenden Wassermassen lag, diesen ganzen unwiderstehlichen Anprall auszuhalten hatte. Er war bald wehrlos dem grausamen Spiele der aufgepeitschten, schäumenden Fluten preisgegeben, die sich tiefer und tiefer in seine Wände hineinnagten. Die tiefe Finsternis der Nacht machte die verzweifelte Lage nur noch unheilvoller und gräßlicher. Unheimlich ächzte das Balkengefüge, die Füllungen dazwischen, zumal an den Außenmauern, durchbrachen schon die rasenden Fluten und rissen sie mit sich fort, das ganze Haus erbebte dabei bis in die Grundmauern hinein. Alle wollten sich nun durch eilige Flucht aus dem wankenden Gebäude retten. Aber schon war es zu spät: es gab keine Gelegenheit mehr dazu. Denn von der Höhe von Ließem kam durch eine Schlucht stromartig eine Wasserflut herabgebraust und wälzte sich geraden Weges auf den Hof zu. Dadurch wurde auch dieser einzige, bisher noch offene Ausweg nach dem aufsteigenden Berge hin, auf den man sich bis zuletzt stets verlassen hatte, endgültig versperrt. Noch bevor man die gefahrvolle Lage völlig erkannt hatte, war man schon ringsum von dem herzlosen Wasserelemente gefangen genommen worden.
Zugleich war jetzt aber auch auf allen Seiten jeder Zugang zum Auenhofe hinein durch die reißenden, hochgehenden Wassermassen unmöglich gemacht. Und wer hätte denn in dem eigenen Schrecken und in der eigenen Not dieser finsteren Nacht noch gedacht an die entsetzliche Gefahr und Todesangst der armen Menschen im Auenhofe? Und zudem, welche irdische Macht hätte hier wirklich noch retten können?
Ein Mädchen gewiß, so wird durchaus glaubwürdig erzählt, hätte so gerne geholfen. Aber was konnte diese schwache Jungfrau tun, die ebenso machtlos wie auch der mächtigste un umsichtigste Mensch an ihrer Stelle da stand in einiger Entfernung im Steckenbusche und in jener Schreckensnacht für die dort im Hofe Eingeschlossenen wahre Todesängste durchkostete! Sie sah in den aufleuchtenden Blitzen das drohende Verhängnis des Unterganges von Augenblick zu Augenblick immer näher und unabwendbarer über den Auenhof hereinbrechen, und sie hörte durch das Brausen und Tosen von Wasser und Wetter die flehentlichen Hilferufe und entsetzlichen Todesschreie von dort herüberdringen. Sie konnte aus Urchem von der anderen Seite des hochgeschwollenen Baches niemand herbei zur Hilfe rufen, und die einzigen Bewohner auf dieser Seite in der Oelmühle mußten sich selbst gegen das eigene Verderben wehren. So war sie vielleicht selbst auch in dem furchtbar sich austobenden Unwetter schutzlos und einsam verlassen.
Dies Mädchen war die Maria Weber, die Tochter des Halfen in der Aue. Sie hatte sich in dem so schnell mit aller Gewalt einsetzenden Gewitter auf dem Wege nach Hause verspätet und konnte dann nicht mehr in den Hof hinein gelangen. Und das war für sie bei all dem Unglück in Wahrheit doch eine glückliche Fügung; denn nur so wurde sie vor dem sicheren Verderben gerettet. Nun nahm sie bebend und schreckensbleich von ihrem Platze aus wahr, wie im väterlichen Hause ein Licht immer höher zum obersten Stockwerk hinaufgetragen wurde, das dann aber plötzlich auf dem Söller erlosch, als Zusammensturz erfolgte. Denn vor der Gewalt der am Gebäude sich stauenden und brandenden Wogen und der den toll dahinrasenden Bach hinabtreibenden Bäume kam das große Haus ins Wanken und Schwanken, lockerte und löste sich vollends das Gefüge der Tragbalken und brach schließlich alles ineinander zusammen, mit sich hinabreißend die Insassen in die fürchterliche, dunkle und nasse Tiefe. Wer dabei von den Ihrigen noch nicht den Tod gefunden hatte, konnte ihm auch nicht entgehen in den grausamen und unbarmherzigen Fluten, mochte er sich auch mit letzter Kraft ihrer zu erwehren suchen und mit der Anstrengung der Verzweiflung noch so mutig mit ihnen ringen. Selbst der starke Mann in der Vollkraft der Jugend war ihrer furchtbaren Uebermacht nicht gewachsen und, bald durch den ungleichen Kampf erschöpft, ihnen schließlich so hilflos preisgegeben wie ein Spielzeug der zerstörenden Hand des mutwilligen Kindes. Und kalt spottend über dieses Unvermögen der Menschen krachten ohne Mitgefühl hernieder die feurigen Blitze, grollten rauh weiter die rollenden Donner und gröhlten höhnisch in unheimlichen Tönen die wie wahnsinnig sich gebärdenden aufgewühlten Wasserwogen, alles mit sich fortreißend und -treibend, auch die Leiber von unglücklichen Menschen.

4. Das Schicksal der Auenhoffamilie nach dessen Zusammensturz

Nur ein einziger aus dem Auenhofe hatte sich noch soeben aus der höchsten Gefahr des Ertrinkens retten können, freilich nicht durch eigene Kraft den zum rasenden Strom gewordenen Bach bezwingend. Der Hofherr Wenzeslaus Weber war es, der auf eine ganz merkwürdige Weise dem fast unentrinnbaren Verderben entging: Von der furchtbaren Strömung erfaßt, erspähte er im letzten Augenblick seiner Kräfte plötzlich beim Aufleuchten eines Blitzes ganz nahe in den Wogen treibend eine Kuh, er konnte mit äußerster Anstrengung nach dem Schwanze derselben greifen und sich daran verzweifelt festhalten. Mit seiner rohen unbändigen Kraft kämpfte das Tier gegen das ungehemmt wütende Gewässer an und arbeitete sich durch die hohen Wellenberge hindurch zur Seite hin dem Ufer zu, das es endlich schwimmend mit Mühe erreichte. Mit ihr fand der Halfen wieder den rettenden festen Boden unter den Füßen, auf den er ganz erschöpft hinsank.
Erst der heraufsteigende Morgen gab den empörten Naturgewalten ihre friedliche Ruhe wieder, er ließ aber zugleich auch das entstandene entsetzliche Unglück auf dem Auenhofe in seiner ganzen traurigen Größe erkennen. Von dem Gebäude stand nur noch das kahle Gerippe des Fachwerkes. Wo aber waren die Menschen, welche noch am Tage zuvor in seinen Mauern ein frohes Wiedersehen gefeiert hatten? Sechs von den sieben uns bekannten Mitgliedern der Familie waren in der Unglücksnacht ums Leben gekommen. Drei der Leichen konnte man bei den zerstreuten Trümmern des Hofes auffinden, nämlich diejenigen der Frau Katharina Weber-Schnafels und ihres Patenkindes Katharina Schmid und ebenfalls auch die ihres fünfzehnjährigen Enkels aus Ahrweiler. Schließlich entdeckte man auch noch den Körper des ertrunkenen dreißigjährigen Peter Weber. Er mußte aus dem entfernteren Teiche der zweiten Mühle fast am unteren Ende des Dorfes heraus geborgen werden, wohin er von den jähen Wassern abgetrieben worden war.
Doch ganz unverhältnismäßig viel weiter, so stellte es sich nachher heraus, hatte die gewaltige Strömung getragen jene beiden Leichen der noch fehlenden Personen, nämlich die der Stieftochter des Auerhalfen, der Frau Maria aus Ahrweiler, und die ihres Töchterchens. Gewiß hatte die Mutter ihr kind mit den Armen umfangen und krampfhaft fest an sich gehalten, als das Verderben hereinbrach und sie von den Wogen mitgerissen wurden ohne halt den Bachstrom hinunter zum Rheine hin. Hier nahmen seine mitleidigen Wellen, voll Unmut über den so wild auf sie losstürzenden und auf einmal ganz übermütig gewordenen Bach, die beiden sich umschlungen haltenden Toten liebevoll in ihre weichen Arme auf, trugen sie sanft weiter und weiter und wiegten sie wie im Schlummer hin und her, bis sie sich schließlich durch die schaukelnde Bewegung gelockert, voneinander lösten. Bald wurde ihr Schicksal bekannt. Der Körper des achtjährigen Mädchens wurde bei Ensen kurz vor Köln ans Ufer getrieben und dort der Erde übergeben; die Leiche der Mutter konnte aber erst unterhalb von Köln bei Mülheim aus dem Wasser gelanden werden und fand dortselbst ihr fernes Grab.
Zuvor aber hatte man schon auf dem Gottesacker bei der Pfarrkirche in Niederbachem die vier dort aus dem nassen Element geborgenen Leichen in einem gemeinsamen Grabe beigesetzt. Auf demselben errichtete der so hart vom Unglück getroffene Vater der Familie in der Aue Wenzeslaus Weber ein Gedenkkreuz für seine ertrunkenen Angehörigen, das bis auf unsere Zeit dort stehen blieb und die Erinnerung an die traurigen Opfer des Hochwassers von 1693 wach erhielt. Die stätte des Grabes selbst aber ist der Vergessenheit anheimgefallen.
Der Halfen in der Aue hat den Untergang seines Hofes noch lange, noch fast 19 Jahre überlebt. Er baute schon bald nachher den Auenhof aus dem erhaltenen Balkenwerk des zu Grunde gegangenen alten von neuem auf, aber an der anderen Stelle in der Urchemer Gasse. Zwei Jahre nach den geschilderten Ereignissen verfügte er bereits wieder über Hof und Scheune. In sein Haus zog die Familie seiner Tochter Maria, die ihm allein geblieben war und inzwischen den Heinrich Nettekoven geheiratet hatte. Als die Namen der Erben des alten Auenhalfen stehen die Anfangsbuchstaben der Namen dieser Eheleute dort am Schlagring des großen Tores ins Eisen eingeschlagen. Hier im neuen Auenhofe hat dann ihre Familie noch in mehreren Geschlechtern bis zum Aussterben des Familiennamens Nettekoven geblüht und ohne Furcht gewohnt vor einer Ueberschwemmung vor der dieser Hof ja gesichert war durch seine vom Bache entferntere und auch höhere Lage.

5. Das Auenkreuz

Die Namen der Eheleute Gerichtsscheffe Heinrich Nettekoven und Maria Weber findet man mit der Jahrezahl 1721 nochmals in den Stein geschlagen als die der Stifter auf einem hohen Steinkreuze am Stockenbusch in Urchem, der gleich bei der Brücke über den Broichbach, wohl gerade in der Mitte des Weges vom alten zum neuen Auenhofe. Seit je führt dies schöne Kreuz unter dem Laubdach von Kastanienbäumen zu seinen Seiten den Namen „das Auenkreuz“. Es mag keinem Zweifel unterliegen, daß es nach dem Tode des Wenzeslaus Weber von seinen Erben errichtet wurde zur Erinnerung an das große Unglück vom Untergang des alten Auenhofes in seiner Nähe. Wohl schon seit der Zeit seiner Herstellung an wird es alljährlich immer wieder aufs festliche geschmückt und zu einem prächtigen Altare ausgestaltet am Fronleichnamsfeste, an welchem von dieser Stelle aus der feierliche Segen über Urchem und seine Bewohner gespendet wird. Von dort zieht dann weiter die fromme Schar der Beter den stillen Weg vorüber an der Aue, die zu dieser Zeit gerade meistens so lieblich und friedlich da liegt im goldigen Sonnenscheine, und erfleht im Wechselgebete den Segen des Himmels über Volk und Land und Gottes gnädigen Schutz vor allem verderblichen Unwetter.

Das Auenkreuz, das heilige Zeichen des erbarmenden Erlösers, so nahe am Bache errichtet, hat schon durch mehr als zwei Jahrhunderte treue Obhut gehalten über den Bach, auf daß er nicht mehr so wild und bösartig den Menschen ein solch gewaltiges Leid zufüge wie im Jahre 1693. Es hat freilich schon manches Hochwasser zu seinen Füßen noch schäumend vorüberrauschen gesehen, wie im vergangenen Jahrhundert dasjenige vom 11. Juni 1859, am Tage vor dem hl. Pfingsfeste. Und noch ist bei allen Ortseingesessenen in Niederbachem in frischer Erinnerung die jüngste gewaltige Hochflut vom Nachmittage des 5. August 1931, die in wenigen Stunden unermeßlichen Schaden an Häusern, Land und Obstbäumen verursachte und stellenweise das Aussehen der Gegend am Bachbette völlig veränderte. Aber immer noch hat, seitdem das Auenkreuz, das erhabene Zeichen des Heils, in Urchem am Bachübergange steht, der gütige Gott es gefügt, daß das Verhängnis der Hochwassergefahr nicht mehr zur Nachtzeit über das Tal hereinbrach und verderbenbringend sogar Menschenleben zu Grunde richtete wie einstmals in der Schreckensnacht nach dem 24. Juni 1693.